Foto: Wolfgang Kleber

Wir grüßen dich mit Harfenklang und Lobgesang

Heinrich von Herzogenberg: Die Geburt Christi in der Auferstehungskirche Essen


Es gibt Chöre, die jedes Jahr Bachs Weihnachtsoratorium singen. Man weiß, auf was man sich einstellen kann und muss. Vielleicht ist es ein richtiges und wichtiges Ritual in einer Zeit, in der sich vieles so schnell ändert. Die Aufführung von Herzogenbergs Weihnachtsoratorium in der Auferstehungskirche Essen unter der Leitung von Stefanie Westerteicher war ein Genuss für Ohren und Seele, eine echte Alternative, in keiner Weise eine Notlösung, ein anderes Erleben der frohen Botschaft: für uns Zuhörer ein Stück Heimat, Kindheitserinnerung und Vorfreude auf das Fest, das „alle Jahre wieder“- kehrt. Es ist ein Werk, das über das Verklingen der Musik hinauswirkt, besonders deshalb, weil Herzogenberg in diesem Werk so regen Umgang mit altbekannten Weihnachtsliedern macht (z. B. Kommet ihr Hirten/Es ist ein Ros entsprungen/ usw.). Das knapp 80minütige Opus aus dem Jahr 1894 zeigt, wie kunst- und effektvoll Herzogenberg das bekannte Weihnachtsliedergut mit dem Bibeltext verbindet und wie atmosphärisch dicht diese Musik wirkt, eine „volkstümliche“ Annäherung an das Geheimnis von Weihnachten Die musikalische Umsetzung gelang der Kantorei, der Jugendkantorei mit ihren 80 Sängerinnen und Sängern, den Solisten und den Mitgliedern der Essener Philharmoniker unter der Leitung von Stefanie Westerteicher in bewundernswerter Weise. Es ist erstaunlich, welche Programmvielfalt über das Jahr angeboten wird. In der voll besetzen Kirche erlebten wir eine Aufführung von enormer Dichte und Spannkraft. Dazu trugen die gut aufeinander abgestimmten und nie angestrengt oder eng singenden Solisten Judith Hoffmann (Sopran), Katharina Fulda (Alt), Tobias Glagau und Gregor Hähner (Tenor), Hagen Goar Bornmann und Thomas Busch bei. Besonders erwähnenswert die stimmlich herausragend disponierte und exzellent homogene und transparent gestaltende Kantorei der Auferstehungskirche, eingebettet die klaren Stimmen der Jugendkantorei. Bewährt die äußerst differenziert gestaltenden Mitglieder der Essener Symphoniker. Besonders zu erwähnen ist die Oboistin Annette Breyer, ihr Klang schien wie ein Engel im Kirchenraum zu schweben, aber auch das obligate Cello im „Joseph, lieber Joseph mein“, singend, wiegend. Die Zuhörer zogen denn auch in den Chorälen ungemein sangesfreudig mit. Ein musikalisches Erlebnis, ein Genuss für Ohren und Seele, ein Innehalten mitten in unserer manchmal besinnungslosen Zeit: Botschaft und Musik werden in die Weihnachtszeit leuchten. Rauschender Beifall galt allen Mitwirkenden.

Hans-Joachim Meyer-Pohrt, 2019