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Mendelssohns „Paulus“ in der Auferstehungskirche Essen am 13. Oktober 2013

Die Kantorei an der Auferstehungskirche unter der Leitung von Stefanie Westerteicher überzeugte das Publikum mit einer fesselnden Interpretation des Oratoriums „Paulus“ von Mendelssohn Bartholdy, deren dramatische Kraft des Ausdrucks man sich nicht entziehen konnte. Mendelssohn arbeitete von 1832 bis 1836 an diesem Auftragswerk des Frankfurter Cäcilien-Vereins. Es ist das Werk eines jugendlichen Komponisten, in dem er eine Brücke vom Barock zur Romantik spannt. Die barocke Polyphonie erfährt bei der Ouvertüre mit dem Choralthema „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ mit ihren dramatischen Höhepunkten eine Romantisierung und führte den Zuhörer hin zu einem großen Oratorium. Wie in Bachs Oratorien werden auch hier vierstimmige Choräle in das Geschehen eingebaut: bei der heutigen Aufführung zurückhaltend, einem stillen Gebet gleich.
Der Text des Oratoriums wurde von Julius Schubring zusammengestellt, es sind Worte aus der Bibel, in denen sich Mendelssohn auch selbst wiederzufinden suchte und fand.
Nicht zu Unrecht bezeichnet man den „Paulus“ von Mendelssohn als eines der wichtigsten Oratorien des 19. Jahrhunderts und stellt gleichsam hohe Ansprüche nicht nur an die Chorsänger. Die lyrische Thematik in den Arien sowie in den Chorälen überzeugten in ihrem Ausdruck ebenso wie die dramatischen Teile, die in den großen zahlreichen Chorpassagen anzutreffen waren. Stefanie Westerteicher gelang es, unter den nicht einfachen räumlichen und akustischen Voraussetzungen (die Kirche ist für eine so große Besetzung einfach zu klein) ein Zusammenspiel zwischen Chor, Orchester und den Solisten herzustellen: jeder der Mitwirkenden musizierte mit innerer Überzeugung und Ausstrahlungskraft. So entstand ein Spannungsbogen, indem Ton und Text zu einer Einheit verschmolzen und ein harmonisches Gesamtbild entstehen ließen.
Eine große Chorgemeinschaft, bestehend aus der Kantorei, dem Kammerchor, der Jugendkantorei und dem Kinderchor der Auferstehungskirche konnte erneut beweisen, mit welchem großen Einsatz an Zeit ein solch großes Werk zu einem Ganzen wachsen kann: Spannung vom ersten bis zum letzten Ton, ausgewogen in der Stimmintensität, kontrastreich im Hinblick auf die Dynamik, in allen Chorsätzen spannungsreich vom Piano hin zum Crescendo und zur explosiven Klangmalerei („Steiniget ihn, er lästert Gott“). Besonders zu erwähnen ist der Einsatz der Jugendkantorei und des Kinderchores: von jeweils verschiedenen Emporen fügten sich die Stimmen geschlossen (engelsgleich in weißer Kleidung) und sicher in den Gesamtklang ein.
Das Solistentrio mit Judith Hoffmann, Sopran, Christian Dietz, Tenor, und Harald Martini, Bass, musizierten mit starken, kraftvollen Stimmen, präziser Artikulation und einer persönlichen Überzeugungskraft: das ist es, was ein Oratorium braucht, um bei den Zuhörern die Seele zu erreichen.
Den Mitgliedern der Essener Symphoniker entlockte Westerteicher diesem Werk die erwünschte romantische Dichte, aber auch eine gewisse Klarheit im Sinne Bachs (Fugen).
Ein nicht enden wollender Applaus eines begeisterten Publikums waren der schönste Dank für alle Beteiligten an einer denkwürdigen Aufführung des Oratorium „Paulus“ von Mendelssohn Bartholdy.

Hans-Joachim Meyer-Pohrt/ 28.04.2015/