Foto: Wolfgang Kleber

Wohlklang und Chorkultur in nordischem Licht.


Die Jugendkantorei der Auferstehungskirche feierte ihr 70. Jubiläum mit einem grandiosen Konzert

Jubiläen werden seltener in unserer schnelllebigen Zeit: Im digitalen Zeitalter ist vieles schnell veraltet und wird durch Neues ersetzt, und lange Zeiträume sind eher die Ausnahme.
Da ist es beeindruckend, wenn ein Chor auf eine ununterbrochene Geschichte von siebzig Jahren zurückblicken kann, und das auch noch am selben Ort, der Auferstehungskirche Essen. Und heute wie vor siebzig Jahren sind die Sängerinnen und Sänger jung und begeistert und machen dem Namen Jugendkantorei alle Ehre.
Wieviel Energie, Lebensfreude und Musikalität in diesem Chor stecken, davon konnte man sich im Jubiläumskonzert in der Auferstehungskirche am 28. September überzeugen und mitreißen lassen.
Besonderen Glanz bekam das Konzert durch die Anwesenheit der Gründerin Ursula von den Busch, die gerade ihren 90. Geburtstag feiern konnte und sichtlich erfreut hörte, wie lebendig ihre Jugendkantorei bis zum heutigen Tag singt und klingt.

Kantorin Stefanie Westerteicher, die seit 24 Jahren die Leitung der Jugendkantorei hat, hatte für das Festkonzert Werke ausgewählt, die die Vielfältigkeit und die außerordentliche Qualität des Chores zum Ausdruck brachten. Besonders auffällig an dem dreigeteilten Programm war die hohe Anzahl von Komponisten des 20. Jahrhunderts, darunter wiederum acht ab 1945 geborene: Auch dies ein Ausweis der Modernität und Aktualität der Jugendkantorei, die gleichwohl auch die geistlichen Vokalwerke von Barock über Romantik bis hin zur Klassischen Moderne beherrscht.

Der erste Teil wurde alleine von der derzeitigen Jugendkantorei bestritten und ließ gleich zu Beginn mit der „Messe von der Gegenwart Gottes“ des in Leverkusen als Kantor wirkenden Komponisten Michael Porr aufhorchen: Wie hier die jungen Sopran- und Altstimmen, darunter auch Jungen, dem deutschen Text auf ganz natürliche Weise Bedeutung und Tiefe gaben und dabei in sauberer Intonation die unterschiedlichen Stimmungen in Porrs musikalischer Sprache erfassten, berührte unmittelbar. Ähnlich klangschön dann John Rutters „Give me wings“, dessen musikalischer wie textlicher Optimismus von den jungen Sängerinnen und Sängern ebenso einfühlsam wie schwungvoll zum Klingen gebracht wurde. Stefanie Westerteicher animierte ihre Jugendkantorei dabei zu stimmlicher Präsenz und textlicher Präzision.
Mit den folgenden zwei Stücken bewies Westerteicher dann, dass sie musikalisch am Puls der Zeit bleibt und auch im Überschreiten von Genre-Grenzen die Jugendlichen zu höchsten Leistungen motivieren kann: Zwei Chorklassiker aus dem Bereich der Filmmusik wurden anrührend dargeboten, Bruno Coulais‘ Lieder aus „Die Kinder des Monsieur Matthieu“ zeigten ein blitzsauberes Französisch, und „Lenas Lied“ aus dem schwedischen Film „Wie im Himmel“ brachte überzeugende solistische Leistungen von Emilia Löscher und Lina Westerteicher.
Bob Chilcotts „Can you hear me?” wurde dann zu einem ersten Höhepunkt, indem die jungen Stimmen in ihrer Reinheit das Wunder des Lebens beschrieben: „I feel life with all it’s energy“ war hier intensiv zu spüren.

Stefanie Westerteicher hat als Ergänzung zur Jugendkantorei vor einigen Jahren einen Kammerchor gegründet, in dem auch Ehemalige mitsingen und der sich besonders anspruchsvoller Chormusik widmet. Dieser bestritt den zweiten Abschnitt des klug ausgewählten Programms. Zunächst aber fanden sich Jugendkantorei und Kammerchor zu einer Hymne zusammen, allerdings ganz anders als man es vielleicht von einem Kirchenchor erwarten würde: Abba’s „Thank you fort he music“ wurde mitreißend gesungen, mit Verve und viel Gespür für diese Ikone der Popmusik, dabei die nicht ganz unkomplizierte Harmonik immer astrein intoniert. Mit Ernestine Griewisch als Solistin wurde einmal mehr deutlich, welche qualitätvollen Einzelstimmen sich im Chor finden.

Im zweiten Teil zeigte dann der Kammerchor sein beträchtliches Können mit zwei höchst anspruchsvollen Werken aus dem skandinavischen Kulturkreis: „Stars“ des Letten Eriks Esenvalds erforderte dabei das Können der Sängerinnen und Sänger nicht nur stimmlich, sondern auch im Spielen von gestimmten Wassergläsern. Die scheinbare Leichtigkeit, mit der Westerteicher mit ihrem Kammerchor dieses Werk im Rund der Auferstehungskirche aufsteigen ließ, hatte etwas ganz und gar Magisches und zeigte, dass die Chorarbeit an der Auferstehungskirche wirklich zur ersten Liga gehört, und das auch im überregionalen Vergleich. Zu hören war das ebenso in Ola Gjeilos „Northern Lights“, in dem sich der Kammerchor mit der Chorkultur Norwegens messen lassen konnte. Klang und Ausdruck waren ebenso sublim wie souverän.

Damit war die Messlatte hoch gelegt für den dritten und abschließenden Teil, der dann zu einem ganz besonderen Höhepunkt wurde: Über 120 ehemalige Sängerinnen und Sänger der Jugendkantorei aus allen Generationen schlossen sich mit der aktuellen Jugendkantorei und dem Kammerchor zu einem Hyperchor zusammen – und wie Westerteicher das organisiert hatte, verdeutlichte symbolhaft das erneute Zusammenwachsen der Ehemaligen aus vielen Teilen der Welt, aus Deutschland, Europa, Kanada und den USA: Aus dem gesamten Kirchenraum standen die Sängerinnen und Sänger auf und gingen langsam wie in einer Prozession auf das große Chorpodest, indem sie gemeinsam Cortonas „Alta trinita beata“ sangen – fast schon eine Jugendkantorei-Hymne. Damit wurde Otto Bartnings genialer Kirchenraum selbst zu einem Teil des Klangs. Das Erhabene dieses Flashmobs übertrug sich auf das Publikum und erzeugte Hochspannung, die für den Rest des Konzertes anhielt. Erstaunlich, welche Klangkultur und welch kultiviertes Musizieren dann mit diesem Riesenchor zu erleben war, gebündelt in einigen Klassikern des Jugendkantorei-Repertoires, darunter Mendelssohns „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ und Duruflés „Ubi caritas“. Besonders hervor stach „Wandelt in der Liebe“ von Siegfried Reda, der als Professor an der Folkwang-Hochschule der Lehrer von Ursula von den Busch gewesen war und dessen Werk von der Jugendkantorei über die Jahrzehnte immer gepflegt wurde. Dass die einzelnen Stimmen auch nach Jahren immer noch saßen, war deutlich zu hören, ebenso, was für ein wichtiger Komponist Reda auch heute noch ist.
Westerteicher vermochte den großen Chor ebenso präzise wie schwungvoll zusammenzuhalten und motivierte ihn zu einer absoluten Höchstleistung, die in John Rutters „Look at the world“ ihren Abschluss fand. Was hier über siebzig Jahre aufgebaut worden ist und in den letzten Jahren durch Stefanie Westerteicher noch einmal zu neuen Höhen geführt wurde, das ist wirklich außergewöhnlich: Chorkultur vom Feinsten zur Ehre Gottes.
Begeisterter und langanhaltender Applaus für den großen Chor, vor allem aber für Ursula von den Busch und Stefanie Westerteicher, deren beider Wirken zu Beginn des Konzertes sowohl von Oberbürgermeister Kufen als auch von Superintendentin Greve gewürdigt worden war.


Christian von Gehren 2019